Hugo Simon

Der Bankier, Politiker, Landwirt, Kunstsammler und Mäzen Hugo Simon war eine der Schlüsselfiguren im Berliner Leben der Weimarer Republik. Am 1. September 1880 wurde er in Usch (Ujście), heute Polen, damals Teil des Deutschen Reiches, als Sohn eines Lehrers geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familie bis zu Meir Katzenellenbogen zurückverfolgen, der im 16. Jahrhundert Oberrabbiner von Padua und eine zentrale Gestalt des europäischen Judentums war. Nach einer Bankausbildung in Marburg an der Lahn kam Hugo Simon um 1905 nach Berlin und gehörte 1911 zu den Mitbegründern des Bankhauses Carsch Simon & Co. (ab 1922 Bett Simon & Co.).

Bereits 1909 hatte er Gertrud Oswald (1885–1964) geheiratet, die wie er aus Posen stammte. Gertruds ältere Schwester Cäcilie, die später als Übersetzerin aus dem Schwedischen bekannt werden sollte, war mit dem SPD-Reichstagsabgeordneten Kurt Heinig verheiratet, die jüngere Schwester Olga mit dem Journalisten Alexander Bloch, der ebenfalls in sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Kreisen aktiv war. Das Ehepaar Simon bekam zwei Töchter: Ursula (1911–1983) und Annette (1917–1986); Erstere heiratete 1929 den Bildhauer Wolf Demeter (1906–1978); ihr gemeinsamer Sohn Roger (1931–1987) blieb das einzige Enkelkind von Hugo und Gertrud Simon.

Hugo und Gertrud Simon spatzieren im Winnter mit Stöcken, im Hintergrund stehen stattliche Häuser.
Hugo und Gertrud Simon, 1920er Jahre

Während des Ersten Weltkriegs war Hugo Simon Mitglied im pazifistischen Bund Neues Vaterland, der 1922 in Deutsche Liga für Menschenrechte umbenannt wurde. Zu seinen Mitstreitern gehörten u.a. Albert Einstein, Harry Graf Kessler und Stefan Zweig, denen er lebenslang verbunden blieb. Hugo Simons politisch-pazifistische Engagement führte im November 1918 zu seiner Ernennung zum Finanzminister im Preußischen Revolutionskabinett; bereits Anfang Januar 1919 zog er sich gemeinsam mit seiner Partei, der USPD, aus der Regierung zurück.

Danach wandte er sich der Kunst und Kultur zu: Hugo und Gertrud Simon waren leidenschaftliche Kunstsammler, zu ihrer privaten Kollektion gehörten bspw. Werke von Ernst Barlach, Paul Cézanne, Gustave Courbet, Lyonel Feininger, Caspar David Friedrich, George Grosz, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Georg Kolbe, Wilhelm Lehmbruck, Aristide Maillol, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Claude Monet, Edvard Munch, Camille Pissarro, Max Pechstein, Pierre-Auguste Renoir, Renée Sintenis und vielen anderen. Als Mitglied der Ankaufskommission der Nationalgalerie zählte Hugo Simon außerdem zu den einflussreichen Männern der Berliner Kunstwelt. Mit vielen Künstler:innen und Intellektuellen verkehrte das Ehepaar Simon auch privat: Ihre Villa im Tiergartenviertel, entworfen von Paul Cassier und ausgestattet von Max Slevogt, bildete einen Mittelpunkt sozialen und kulturellen Lebens. Darüberhinaus hatte Hugo Simon kurz nach Kriegsende, 1919, das Schweizerhaus in Seelow, Oderbruch erworben, das er in den Folgejahren zu einem landwirtschaftlichen Mustergut ausbaute.

Villa in der Drakestraße 3, Berlin-Tiergarten

Aufgrund seiner politischen Gesinnung und seiner jüdischen Herkunft geriet Hugo Simon ins Visier des nationalsozialistischen Regimes und wurde im März 1933 ins Exil gezwungen. Sein Vermögen in Deutschland wurde im Oktober desselben Jahres beschlagnahmt. Zunächst ließen sie sich Gertrud und Hugo Simon in Paris nieder, wo es Hugo Simon gelang, sich als Finanzmakler erneut eine Existenz aufzubauen. Er engagierte sich zudem in der Flüchtlingshilfe, trat als Unterstützer des deutschen Exil-Widerstands in Erscheinung und stellte die wirtschaftliche Existenz der Pariser Tageszeitung, der wichtigsten deutschsprachigen Exilzeitung, sicher.

Sowohl Hugo als auch Gertrud Simon wurde 1937 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, damit waren sie staatenlos. Als Paris im Juni 1940 unter deutsche Besatzung fiel, floh das Ehepaar über Montauban nach Marseille. Ihre Wohnung und Hugo Simons Büroräume wurden vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) geplündert, und die meisten Wertgegenstände, das Mobiliar, die Bücher und der größte Teil der Kunstsammlung, zurück nach Deutschland gebracht.

Für das Ehepaar begann eine harte Zeit: Nach Ausbruch des Krieges hatten sich die Aussichten für europäische Flüchtlinge endgültig verdüstert, ohne die ‚richtigen‘ Papiere und Verbindungen gab es kaum noch Überlebenschancen. Eine Ausreise auf legalem Weg war unmöglich, da Hugo Simon von der Gestapo gesucht wurde. Im Februar 1941 entkamen das Ehepaar Simon schließlich, ausgestattet mit gefälschten tschechoslowakischen Pässen, auf dem Fußweg über die Pyrenäen nach Spanien, wo sie sich von Vigo aus nach Rio de Janeiro einschiffen konnten; dort gingen sie im März 1941 an Land.

Ihren Töchtern, dem Schwiegersohn und dem Enkel war ebenfalls die Flucht nach Brasilien gelungen – ebenfalls mit gefälschten (französischen) Papieren. Auch alte Freunde trafen sie in Brasilien wieder, darunter Stefan Zweig und den aus Berlin stammenden Journalisten Ernst Feder. Bereits nach wenigen Monaten wurde der Antrag des Ehepaares auf Verbleib in Brasilien abgelehnt, und Hugo Simon erhielt im Juli 1941 eine offizielle Ausweisungsverfügung, die den geheimen Anweisungen des Vargas-Regimes zur Abwehr „unerwünschter“ Ausländer entsprach. Im August desselben Jahres entschied die Regierung jedoch, den meisten Kriegsflüchtlingen eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen, und diese Regelung galt auch für die Simons.

Fazenda Penedo, Bundesstaat Rio de Janeiro, 1940er Jahre

Mitte 1942 zog das Ehepaar nach Penedo – drei Stunden westlich von Rio, auf dem Weg nach São Paulo gelegen – wo Hugo einen landwirtschaftlichen Betrieb gründete und leitete, der Heilpflanzenextrakte für das Pharmaunternehmen Geigy herstellte. Anfang 1943 zogen sie nach Meinungsverschiedenheiten mit den Schweizer Eigentümern und angesichts der Gefahr ihrer Enttarnung, nach Barbacena – vier Stunden nördlich, auf dem Weg nach Belo Horizonte – wo sie für die Dauer des Krieges blieben. Dort traf Hugo Simon den ebenfalls im Exil lebenden katholisch-konservativen, gleichwohl der Résistance verbundenen französischen Schriftsteller Georges Bernanos, und zwischen den beiden ungleichen Männern entstand eine Freundschaft. Im Alter von 63 Jahren erwirtschaftete Hugo seinen Lebensunterhalt mit Subsistenzlandwirtschaft; indem er sein eigenes Obst und Gemüse anbaute, Hühner hielt und Seidenraupen züchtete sicherte er die Versorgung für sich und seine Frau. Daneben widmete er sich dem Verfassen eines autobiografischen Romans, der jedoch unvollendet blieb; das Manuskript wird gemeinsam mit anderen Papieren aus dem Nachlass im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek verwahrt.

Nach dem Krieg kehrte das Ehepaar Simon wieder nach Penedo zurück, von dort aus bemühten sie sich, nicht nur ihren verlorenen Besitz, sondern auch ihre Identitäten zurückzuerhalten. Mit der Unterstützung prominenter Freunde und Bürgen – darunter Albert Einstein und Thomas Mann – konnte Hugo Simon im September 1946 seinen richtigen Namen wiedererlangen. Gleichzeitig beantragte er seine Anerkennung als Staatenloser, was die einzige Möglichkeit darstellte, gültige Reisedokumente zu erhalten. Dieser Antrag wurde von den brasilianischen Behörden zunächst abgelehnt und erst zwei Monate vor seinem Tod endgültig bewilligt; Hugo Simon starb am 4. Juli 1950. Ein Reisepass wurde ihm nicht mehr ausgehändigt, und damit war Hugo Simon zu einem Gefangenen jenes Landes geworden, das ihm Zuflucht gewährt hatte. Die finanzielle Lage des Ehepaares blieb während der gesamten Nachkriegsjahre äußerst prekär: Gertrud war 1947 schwer erkrankt, eine Situation, die sie nur dank der Großzügigkeit von Freunden bewältigen konnten.

Im Juni 1945 unternahmen Hugo und Gertrud Simon erste Schritte, um eine Restitution ihrer verlorenen und geraubten Besitztümer in Europa einzuleiten. Da sie weder über Papiere noch über Geld verfügten, konnten sie selbst nicht nach Europa reisen, sondern mussten Mittelspersonen finden; insbesondere ihr Schwager Kurt Heinig, der nach Schweden geflohen war und dort weiterhin lebte, nahm ihre Interessen wahr. Zu Lebzeiten gelang es dem Ehepaar Simon lediglich, einige wenige Kunstwerke in Frankreich sowie ihr durch Bombenangriffe zerstörtes Haus in West-Berlin zurückzufordern. Gertrud Simon lebte weiterhin im Süden Brasiliens, wo sie 1964 verstarb. Im selben Jahr leiteten ihre beiden Töchter und ihr Schwiegersohn Verfahren ein, um ihre deutsche Staatsangehörigkeit, ihre Namen sowie ihren rechtlichen Status wiederzuerlangen – ein Prozess, der erst 1972, also mehr als dreißig Jahre nach ihrer Flucht aus Europa, erfolgreich abgeschlossen werden sollte. Und es sollte noch zwei weitere Jahrzehnte dauern, bis auch die Restitutionsansprüche in der (dann ehemaligen) DDR geltend gemacht werden konnten.

Dauerausstellung

Die Ausstellung Hugo Simon: vom roten Bankier zum grünen Exilanten, kuratiert von Rafael Cardoso und Anna-Dorothea Ludewig, macht die außergewöhnliche Persönlichkeit Hugo Simons durch überwiegend unveröffentlichte persönliche Bilder und Dokumente wieder sichtbar. Sie orientiert sich an seiner Biographie und ist in fünf Themenfelder unterteilt: 1) Hugo Simon; 2) Menschen und Netzwerke; 3) Berlin Tiergarten; 4) Seelow, Oderbruch; 5) Frankreich und Brasilien. Erstmals wurde die Ausstellung 2018 in der Brasilianischen Botschaft in Berlin gezeigt, seit 2019 ist eine überarbeitete Version im Schweizerhaus in Seelow zu sehen. Die Ausstellung ist währen der Öffnungszeiten des Schweizerhauses kostenfrei zugänglich; auf Anfrage sind private Besichtigungstermine und Führungen möglich.

Publikationen

Veröffentlichungen über Hugo Simon:

  • Anna-Dorothea Ludewig, Hugo Simon, vom roten Bankier zum grünen Exilanten (Jüdische Miniaturen). Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2021.
  • Nina Senger, „Werke Ludwig Meidners in der Sammlung Hugo Simon“, in: Expressionismus, Ekstase, Exil. Ludwig Meidner. Hrsg. Erik Riedel und Mirjam Wenzel, Frankfurt a. M., 2018, 129-151.
  • Anna-Dorothea Ludewig & Rafael Cardoso (Hrsg.), Hugo Simon in Berlin. Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2018.
  • Rafael Cardoso, Das Vermächtnis der Seidenraupen. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2016.
  • Nina Senger, „Hugo Simon (1880-1950) Bankier - Sammler - Philanthrop“, in: Jüdische Sammler und ihr Beitrag zur Kultur der Moderne. Hrsg. Annette Weber, Heidelberg, 2011, 149-163.
  • Marlen Eckl, Das Paradies ist überall verloren: das Brasilienbild von Flüchtlingen des Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: Vervuert, 2010.
  • Nina Senger mit J. Th. Köhler, Jan Maruhn, „Utopische Plaudereien. Paul Cassirer und die Architektur“, in: Ein Fest der Künste. Paul Cassirer. Der Kunsthändler als Verleger. Hrsg. Rahel Feilchenfeldt und Thomas Raff, München, 2006, 347-363.
  • Nina Senger mit. J. Th. Köhler, Jan Maruhn, Berliner Lebenswelten der zwanziger Jahre. Bilder einer untergegangenen Kultur photographiert von Marta Huth. Katalog herausgegeben zusammen mit dem bauhaus archiv Berlin und der Landesbildstelle Berlin, Frankfurt a. M., 1996.
  • Izabela Maria Furtado Kestler, Die Exilliteratur und das Exil der deutschsprachigen Schriftsteller und Publizisten in Brasilien. Frankfurt a.M.: Lang, 1992.
  • Maria Eugênia Tollendal, Uma tríade histórica. Barbacena: Gráfica Editora Mantiqueira, 1989.
  • Edita Koch, “Hugo Simon/Hubert Studenic”, Exil 1933-1945, 1 (1983), 48-61.

Weitere Veröffentlichungen:

  • Der Hirscheber im Schweizerhaus: eine Geschichte in 159 Scherben. Seelow: Heimatverein Schweizerhaus Seelow, 2021.
  • Das Areal Schweizerhaus. Seelow: Heimatverein Schweizerhaus Seelow, 2011.

Die Kunstsammlung Hugo Simon: Forschung und Restitution

Hugo Simon gehörte zu den führenden Kunstsammlern im Berlin der Weimarer Republik. Die Liebe zur Kunst teilte er mit seiner Frau Gertrud, ihre gemeinsame Kollektion umfasste zahlreiche, heute als Meisterwerke bekannte Stücke wie die 1895 entstandene Pastellversion von Edvard Munchs Schrei, heute im Museum of Modern Art in New York; Franz Marcs Pferd in Landschaft (1910), heute im Folkwang Museum in Essen; Oskar Kokoschkas Dame in Rot (1911), heute im Milwaukee Art Museum. Andere Bilder der Sammlung befinden sich heute in bedeutenden Museen wie dem Art Institute of Chicago, dem Belvedere Museum (Wien), dem Kunsthaus Zürich, dem Kunstmuseum Basel, dem Kunstmuseum Bern, dem Kunstmuseum Winterthur, dem Musée d'Orsay (Paris) und dem Norton Simon Museum (Pasadena). Darüber hinaus war Hugo Simon auch ein prominenter Förderer der Nationalgalerie in Berlin und trat sowohl als Spender als auch als Mitglied der Ankaufskommission in Erscheinung. Auch privat pflegte er Verbindungen zu zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern: u.a. verband ihn eine enge Freundschaft mit dem Kunsthändler Paul Cassirer. Sein Schwiegersohn Wolf Demeter, verheiratet mit seiner ältesten Tochter, Ursula, war Bildhauer.

Zu den zeitgenössischen Künstlern, deren Werke in den Sammlungen von Hugo und Gertrud Simon vertreten waren, gehören Alexander Archipenko, Ernst Barlach, André Derain, Lyonel Feininger, August Gaul, George Grosz, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Georg Kolbe, Marie Laurencin, Wilhelm Lehmbruck, Max Liebermann, Aristide Maillol, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Ludwig Meidner, Otto Mueller, Edvard Munch, Emil Nolde, Max Pechstein, Pablo Picasso, Renée Sintenis, Max Slevogt, Kees van Dongen. Das Ehepaar Simon interessierte sich aber auch für die Kunst früherer Epochen, insbesondere des 19. Jahrhunderts, und besaß Werke von Canaletto, Cézanne, Corot, Courbet, Daumier, Friedrich, Guardi, Leibl, Monet, Pissarro, Poussin, Puvis de Chavannes, Renoir, Tintoretto, Toulouse-Lautrec, van Cleve, van Ruysdael, von Marées und vielen anderen.

Nachdem er ins Exil gegangen war, gelang es Hugo Simon, einen großen Teil der Sammlung aus Deutschland herauszuholen. Ein Teil der Kunstwerke wurde nach Paris gebracht, wo sich das Ehepaar zwischen 1933 und 1940 aufhielt. Andere konnten in Schweizer Museen deponiert und sicher aufbewahrt werden. Als sich die Lebensbedingungen im Exil verschlechterten, begann das Ehepaar, Werke zu verkaufen, nicht nur, um sich selbst zu versorgen, sondern auch, um den Kampf gegen den Nationalsozialismus sowie Hilfsaktionen für deutsche Flüchtlinge, exilierte Künstler und Schriftsteller zu finanzieren. Andere Werke dienten als Sicherheiten für Kredite der Schweizer Museen, die sie verwahrten. Trotz dieser schwierigen Situation konnte Hugo Simon wichtige Leihgaben für die beiden 1938 gezeigten Ausstellungen Twentieth Century German Art (London) und L'Art allemand libre (Paris) zur Verfügung stellen. Die Kuratoren Herbert Read bzw. Paul Westheim reagierten damit auf die Ausstellung „Entarteten Kunst“, die in Deutschland im Jahr zuvor gezeigt worden war.

Kurz nach dem Einmarsch in Paris im Juni 1940 wurden die Wohnung und die Büros von Hugo Simon durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) und die so genannte M-Aktion (Möbel-Aktion) geplündert. Im Oktober 1941 wurden sechs Kisten mit Kunstobjekten, die ihm gehörten, aus dem deutschen Depot im Jeu de Paume nach Berlin transportiert. Während des Krieges wurden sie auseinandergerissen, und der Verbleib vieler Objekte ist bis heute unbekannt. Im Juni 1945 beantragte Hugo Simon erstmals die Restitution seiner verlorenen Sammlung. Die mit der Rückgabe beauftragten alliierten Behörden stellten Nachforschungen an, in deren Folge die Simons in den Jahren 1947 bis 1948 etwa neun Kunstwerke sowie weitere Möbel und Haushaltsgegenstände zurückbekamen. Der größte Teil der Sammlung – bis zu 250 Werke – wurde nicht restituiert. Einige Gegenstände hatten die Simons bei ihrer Flucht in Paris zurücklassen müssen, darunter auch Kunstwerke. Ihre Wohnung wurde von den deutschen Behörden versiegelt; nach 1945 beschlagnahmte die Eigentümerin der Wohnung, die Banque de l'Algérie, die verbliebenen Kunstwerke trotz der gerichtlichen Bemühungen von Hugo Simon. Bis zu seinem Tod wurden diese von der Bank aufbewahrt und schließlich in den 1960er Jahren im Rahmen ihrer Liquidation verkauft.

Die Erben von Hugo und Gertrud Simon haben ihre Bemühungen um die während des Krieges verlorenen Besitztümer, einschließlich der Kunstsammlung, nie aufgegeben. Zwar blieben die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren angestrengten juristischen Interventionen meist erfolglos, doch nach dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung ehemaliger DDR-Archive und -Institutionen konnten weitere Versuche unternommen werden – mit größerem Erfolg. Die Veröffentlichung der Grundsätze der Washingtoner Konferenz über NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunst im Jahr 1998 ermöglichte zudem eine öffentliche Diskussion über die Verantwortung der Museen und Sammlungen für Provenienzforschung. In den letzten Jahrzehnten wurde durch verschiedene andere Restitutionsfälle die Relevanz der Rückforderungen aus der Sammlung Hugo Simon bestätigt. Wo immer es möglich ist, bemühen sich die Erben um eine Zusammenarbeit mit den derzeitigen Eigentümern, um gerechte und faire Lösungen zu finden. Im Rahmen ihrer Aufgabe, das Erbe Hugo Simons zu bewahren, unterstützt die Hugo Simon Stiftung die Familie in ihrem Bemühen um Wiedergutmachung und Restitution.

Die Erforschung der Sammlung Hugo Simons hat in den Jahren 2020 bis 2022 mit der Durchführung des Projekts Rekonstruktion der Kunstsammlung des jüdischen Berliner Bankiers Hugo Simon (1880-1950) eine neue Phase erreicht, das von den Erben Hugo Simons und dem Kunstgeschichtlichen Seminar an der Universität Hamburg gemeinsam getragen und von der Deutschen Stiftung Kunstbesitz (DZK) gefördert wird. Die ersten Ergebnisse dieses Projekts lassen hoffen, dass eine vollständige Rekonstruktion der einzigartigen Sammlung von Hugo und Gertrud Simon eines Tages möglich sein könnte. Das Forschungsprojekt hat dazu beigetragen, Licht in das Dunkel nationalsozialistischer Verstrickungen in Kunstraub und -handel zu bringen – und wird dies auch weiterhin tun. Die nachstehende Liste der Restitutionen und Vergleiche enthält ein aktualisiertes Verzeichnis der Kunstwerke, die einst Hugo Simon gehörten und deren Provenienz und Eigentumsverhältnisse geklärt sind. Informationen zu Werken, die als unklar oder verschollen gelten, finden Sie in der Lost Art-Datenbank des DZK:

Wiedergefundene Kunstwerke; mit Quelle und Datum der Rückgabe:

  • André Derain, Beauty and the beast; Commission de Récuperation Artistique, 1947
  • Emil Orlik, Portrait of a woman [Gertrud Simon]; Commission de Récuperation Artistique, 1947 
  • Pablo Picasso, Horse (drawing); Commission de Récuperation Artistique, 1947 
  • Camille Pissarro, pastel drawing of a landscape; Commission de Récuperation Artistique, 1947 
  • Puvis de Chavannes, Head of a girl, front and profile (two sanguine drawings); Commission de Récuperation Artistique, 1947 
  • Unidentified author, nineteenth-century portrait of a man; Commission de Récuperation Artistique, 1947 
  • August Gaul, Ostrich (bronze); Commission de Récuperation Artistique, 1948 
  • Georg Heinrich Crola, Landschaft mit Eichen (1837); Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz, 2007 
  • Rudolf Henneberg, Spazierritt (1861-63); Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz, 2007 
  • Julius Schnorr von Carolsfeld, Reiterkampf (c.1872); Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz, 2007 
  • Max Pechstein, Schneelandschaft (1917); Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz, 2007 
  • Otto Mueller, Selbstbildnis (c.1909); York Castle Museum, 2011 
  • Max Pechstein, Vier Akte in Landschaft (1912); Musée National d’Art Moderne (Centre Georges Pompidou), 2020 
  • Kees Van Dongen, Deux baigneuses (1912); private collection, 2023

Kunstwerke für die eine Einigung erzielt wurde; mit Datum:

  • Lyonel Feininger, Raddampfer (1912); 2011 
  • Lyonel Feininger, Hafen von Schwinemünde (1915); 2011 
  • Wilhelm Leibl, Mädchen mit weißem Mullhut (undated); 2016
  • Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis mit Tulpen (1907); 2017  
  • Lyonel Feininger, Alt Salenthin (1912); 2019 
  • Max Liebermann, Bäuerin auf dem Feld (1878); 2022